An dem Tag, als ich geboren wurde, gegen Ende des Sommers, war mein Vater jagen. Dabei sah er eine Herde von wilden Pferden, die von einem prächtigen Hengst angeführt wurden. Er sah es als ein Omen, dass die Götter ihm geschickt hatten. Er eilte zu seinem Hof, der etwa eine Stunde zu Pferde nördlich von Birka, der schönsten Stadt Sveas, liegt. Das erste was er hörte, als er auf den Hof ritt, war das kräftige Schreien seines zweiten Sohnes - meines! So kam ich zu meinem Namen Hengest.
Meine Jugend war wundervoll. Mein Vater handelte mit Pelzen und Bernstein, die er im Gardareich verkaufte. Von dort brachte er viel Gold und wundervolle Waffen mit, die er im Reich der Bulgaren oder bei den Franken kaufte. Wie mein Vater immer sagte: "Narren und ihr Gold sind leicht zu trennen!" Aber vertrauen konnte er den Bewohnern von Miklagard nie.
Meine erste Reise mit ihm machte ich in meinem 8. Sommer. Von da an war ich jedes Jahr mit meinem Vater unterwegs, und lernte unter seiner Obhut kämpfen, handeln, feilschen, viele Sprachen und Gebräuche der verschiedenen Völker - und natürlich ein Schiff zu steuern! Meine erste eigene Fahrt ging nach dem Land der Iren. Ich war damals 17 Jahre alt. Dort handelte ich und besuchte einen meiner Onkel in Dyvvlin. Ich lebte ein halbes Jahr bei ihm und machte gute Geschäfte. Danach fuhr ich ins Gardareich. In Ladoga erstand ich eine Sklavin aus dem Land der Wenden - sie wurde meine erste Frau. Sie verlies mich nach 7 Jahren. Ich war in dieser Zeit nur winters für kurze Zeit daheim, ritt viel durch die Lande und sah mein Haus in Birka nur selten. Den Hof meines Vaters hatte mein älterer Bruder übernommen; ihm lag das bäuerliche mehr als mir. Sobald die Sonne genug Kraft hatte, das Eis an der Küste zu schmelzen, zog es mich in die Ferne. So wurde ich zum "Sommervogel", und auch wegen meiner Vorliebe für die bunte, prächtige Kleidung der Rus.
Nach dem meine Frau weg war (sie war mit einem meiner Krieger weggelaufen...) wollte ich nichts mehr mit dem Osten zu tun haben. Also fuhr ich wieder nach Dyvvlin. Mein Onkel Hranulf Goldohr riet mir, in diesem Jahr im Lande der Scoten zu heeren – dort wäre die Beute reich und das Volk nicht sehr flink mit den Waffen. Aber es war nicht ganz so einfach! Zwar gelang es meinen Männern und mir, in kurzer Zeit zwei kleine Dörfer zu plündern, aber die Scoten wehrten sich tapfer. Auch waren Nordmänner im Land, die uns die einfache Beute nicht gönnen wollten. Wir mussten uns mit unseren Landsleuten genauso oft schlagen wie mit den Einheimischen! Aber dann war uns das Glück doch holt. Wir erfuhren, ohne allzu großen Aufwand, von einem gefangenen Scoten, dass ein Jarl der Scoten namens Madden Lindenschild eine wunderschöne Frau aus dem Nordland heiraten wollte. Wir sahen das als Einladung, an der Feier teilzunehmen. Zumal die Scoten es pflegen, bei Hochzeiten sich selbst bewusstlos zu saufen, fast so gut wie wir Weitgereisten! Also waren wir pünktlich zur Nacht am Hof des Madden. Zwei Tage mussten wir über Land marschieren, doch es hat sich gelohnt. Die Hochzeit hatte noch nicht begonnen, trotzdem waren die wehrfähigen Männer schon keine Gegner mehr. Ohne großen Kampf gelang es uns, sie zu überwältigen. Meine Männer wollten sie alle als Sklaven in Dyyvlin verkaufen, doch ich war dagegen. Zu mild war mein Sinn, nachdem ich die Braut gesehen hatte. Ihr Vater, Jorleif der Kahle, war Jarl im Lande der Iren, aber ihre Familie war aus Svea! Sie hatte wundervolles rotes Haar, und eine liebliche Gestalt. Und weil schon ein Priester der Christen da war, und es doch Hochzeit geben sollte, beschloss ich sie zur Frau zu nehmen. Außerdem waren auch noch genug Met und Speisen da, um eine ordentliche Feier zu halten. Der Barde des Madden spielte auch fröhlich auf, vor allem nach dem einer meiner Männer ihm angeboten hatte, die Leier in des Barden Hals zu stecken. Meine Braut war zuerst wenig erfreut, sie kannte mich ja kaum!, und in der Hochzeitsnacht kamen wir auch nicht wirklich zueinander; zu stark war das Gebräu der Scoten!
Drei Tage später brachen wir, mit reicher Beute und einem mächtigen Schädelbrummen, wieder auf nach Dyyvlin.
Von dort setzte ich Kurs auf Birka, was meiner Frau nicht gefallen wollte. Sie schrie und weinte, nannte mich Heide (na gut, warum nicht?), Räuber (auch wahr!) und Mörder (wieso? Wegen ein paar Scoten?!?) und benahm sich sehr widerspenstig.
Doch schon bald mochten wir uns sehr, und lebten friedlich miteinander in Birka.
Ich wollte sesshaft werden, nur noch Handeln und nicht mehr reisen.
Doch nach zwei Jahren zu Hause zog es mich wieder fort, wieder ins Gardareich. Ich blieb für 4 Jahre dort, wovon ich 2 Jahre am Hofe des Theophanos in der Garde der "Varäger" diente und viel Kampf und Tot sah, aber auch reiche Beute erwarb. Nach dieser Zeit ließen sechs meiner Männer und ich uns von einem Rus nach Kiev mitnehmen. Ich musste unterwegs nur zwei seiner Männer erschlagen, um ihm zu verdeutlichen, das was meins ist auch meins bleibt. Danach wurden wir gute Freunde. Ivan und ich begannen, regelmäßig miteinander zu handeln, und auch mit den Bulgaren. Dabei lernte ich einen Schmied und seine Familie sehr schätzen. Als sein Dorf geplündert und nieder gebrannt wurde suchte ich nach ihm und seinen Angehörigen, jedoch nur sein Sohn hatte überlebt. Rasch wurden wir Freunde, und gemeinsam zogen wir durch die Welt, plünderten wo wir konnten, handelten, wo die Leute reich und gut bewaffnet waren, und trafen viele gute Menschen, derer wir uns an langen Winterabenden erinnern.
Bei einer dieser Fahrten trafen wir, am Hofe eines dänischen Jarls in Engalaland, einen besonderen Krieger. Es war uns ein leichtes, den Hof des Dänen zu plündern, doch dieser Krieger fügte meiner Mannschaft großen Schaden zu. Er war ein Jomswikinger. Wir ließen ihn am Leben, und da der Jarl, der ihn angeworben hatte, tot war, boten wir ihm an, ihn nach Hause zu bringen. So kam ich in Kontakt mit den Jomswikingern. Ihre Art zu leben gefiel mir. So kam es, dass ich immer wieder, manchmal nur im Sommer, manchmal für Jahre, als Söldner meinen Ruhm suchte. Doch meine Wurzeln blieben immer Birka, meine Frau und meine Freunde.